Laudatio von Bürgermeister Marc Friedrich zur Verleihung der Ehrenbürgerwürde an Annemarie Dammel am 19.09.2026
Sehr geehrter Vorsitzender der Gemeindevertretung,
sehr geehrte Mitglieder des Gemeindevorstands und der Gemeindevertretung,
sehr geehrte anwesende Bürgermeister,
sehr geehrter Ehrenbürger Herr Herrberger,
sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter unserer Vereine, Organisationen, Kirchen und Glaubensgemeinschaften,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Landfrauen,
liebe anwesende Familie Dammel,
vor allem aber: Liebe Anne,
bevor ich auf Dein außergewöhnliches Wirken eingehe, möchte ich kurz erläutern, welche besondere Bedeutung die Auszeichnung besitzt, die wir Dir heute verleihen.
Das Ehrenbürgerrecht gilt als die höchste persönliche Auszeichnung, die eine Gemeinde vergeben kann.
Seine rechtliche Grundlage findet sich in § 28 Absatz 1 der Hessischen Gemeindeordnung. Dort heißt es:
„Die Gemeinde kann Personen, die sich um sie besonders verdient gemacht haben, das Ehrenbürgerrecht verleihen.“
Damit setzt das Gesetz einen hohen Maßstab: Voraussetzung sind herausragende Verdienste um die konkrete Gemeinde und ihre Menschen. Über die Verleihung entscheidet die Gemeindevertretung.
Historisch knüpft das Ehrenbürgerrecht an das mittelalterliche Bürgerrecht der Städte an. Dessen Erwerb setzte, je nach örtlichem Recht, persönliche und wirtschaftliche Voraussetzungen, häufig auch ein Bürgergeld, einen Bürgereid und ein förmliches Aufnahmeverfahren voraus.
Das Ehrenbürgerrecht als besondere persönliche Auszeichnung entwickelte sich später aus dieser Tradition. Im Jahr 1935 wurde es durch die Deutsche Gemeindeordnung reichsweit einheitlich geregelt. Dieses Gesetz war Teil der nationalsozialistischen Gleichschaltung des Kommunalrechts.
Das heutige Ehrenbürgerrecht ist davon grundlegend zu unterscheiden. Es begründet keine Vorrechte, sondern ist Ausdruck der außergewöhnlichen öffentlichen Anerkennung, die eine Gemeinde einem Menschen entgegenbringt.
Auch in Nauheim wurde diese Auszeichnung stets sehr zurückhaltend verliehen.
Die Reihe begann 1919 mit Bürgermeister Johannes Berz, der die Entwicklung der Gemeinde, das Vereinsleben sowie den Obst- und Spargelanbau nachhaltig förderte.
1966 folgte Fritz Friedrich Daum. Er wirkte nach dem Zweiten Weltkrieg am Wiederaufbau mit und setzte sich besonders für die Aufnahme der Heimatvertriebenen ein.
Später wurden Georg Mischlich für seine Verdienste um die Musikgemeinde, Friedrich „Friedel“ Scherer für seinen Einsatz im Brand- und Katastrophenschutz sowie Werner Georg Dammel für das Heimatmuseum und die Ortsgeschichte ausgezeichnet.
Im Jahr 2010 folgten Alwin Geyer und Erhard Herrberger für ihr prägendes Wirken im Vereinsleben, in Musik, Kultur und Heimatpflege.
In mehr als einem Jahrhundert hat Nauheim damit vor dem heutigen Tag nur sieben Persönlichkeiten zu Ehrenbürgern ernannt.
Alle sieben waren Männer.
Heute schreiben wir ein neues Kapitel:
Mit Annemarie „Anne“ Dammel wird erstmals eine Frau zur Ehrenbürgerin der Gemeinde Nauheim ernannt.
Das ist ein historischer Moment.
Doch, liebe Anne, Du erhältst diese Würde nicht allein deshalb, weil Du die erste Frau bist.
Du erhältst sie, weil Du Dich durch Dein jahrzehntelanges Wirken in herausragender und bleibender Weise um Nauheim und seine Menschen verdient gemacht hast.
Es gibt Menschen, die in einer Gemeinde leben.
Es gibt Menschen, die sich in einer Gemeinde engagieren.
Und es gibt Menschen, die eine Gemeinde über Jahrzehnte hinweg prägen, Verbindungen schaffen, Gemeinschaft stiften und Spuren hinterlassen, die weit über einzelne Ämter, Projekte oder Veranstaltungen hinausreichen.
Liebe Anne,
Du gehörst zu diesen Menschen.
Wir ehren heute ein Lebenswerk.
Ein Lebenswerk, das von Tatkraft und Idealismus, von Beharrlichkeit und Herzlichkeit, von Verantwortung und Menschlichkeit geprägt ist.
Dein Lebensweg begann nicht in Nauheim.
Du bist eine gebürtige Weilbacherin und auf einem Bauernhof aufgewachsen. Nach einer landwirtschaftlichen Ausbildung bildetest Du Dich zur Familienhelferin und Hauswirtschaftsmeisterin weiter.
Mitte der 1970er-Jahre kamst Du nach Nauheim, heiratetest Deinen Mann Gerhard und arbeitetest im landwirtschaftlichen Familienbetrieb mit.
Damit begann eine Verbindung zu Nauheim, die immer enger und bedeutender werden sollte.
Die Familie Dammel betrieb über viele Jahrzehnte die Direktvermarktung eigener landwirtschaftlicher Erzeugnisse. Was in der vorherigen Generation mit Eiern und Kartoffeln begonnen hatte, wurde von Dir und Deinem Mann weiter ausgebaut.
„Dammels Hoflädsche“ war nicht nur eine Verkaufsstelle.
Es war ein Ort des persönlichen Kontakts, der Verlässlichkeit und der Begegnung.
Als das Hoflädchen am 30. Juni 2018 seine Türen schloss, sagtest Du wehmütig:
„Eine Ära geht zu Ende.“
Doch viele andere Kapitel Deines Wirkens waren zu diesem Zeitpunkt noch lange nicht beendet.
Mitte der 1970er-Jahre bist Du dem Landfrauenverein Nauheim beigetreten.
Der Verein war 1953 von Elisabeth Mischlich gegründet und später fünf Jahre von Herta Kuhlmann geführt worden.
Und dann kam das Jahr 1978.
Anne, Du übernahmst den Vorsitz. Und ich? Ich war damals gerade einmal zwei Jahre alt und hatte vermutlich noch ganz andere Flausen im Kopf.
Du jedenfalls warst selbst erst Mitte zwanzig, voller Tatendrang und Ideen.
Und während ich erst noch lernen musste, sicher auf zwei Beinen zu stehen, hast Du bereits einen ganzen Verein auf einen erfolgreichen Weg gebracht.
Seitdem leitest Du den Verein, wie es in seiner eigenen Chronik heißt:
„mit Kopf, Herz und Seele“.
Fast fünf Jahrzehnte als Vorsitzende.
Das ist keine Amtszeit mehr. Das ist eine eigene Epoche der Nauheimer Vereinsgeschichte.
Dahinter stehen unzählige Gespräche, Sitzungen, Veranstaltungen, schwierige Entscheidungen und Neuanfänge.
Und immer wieder das Bemühen, Menschen zusammenzuführen.
Als Du den Vorsitz übernahmst, hatte der Verein 45 Mitglieder. Im Jahr 2025 waren es bereits 302.
Doch diese Zahlen allein erklären Deinen Erfolg nicht.
Die eigentliche Erklärung findet sich in Deinen eigenen Worten:
„Gemeinschaft, Wertschätzung und Anteilnahme, das sind tragende Pfeiler.“
Und:
„Ob eine Frau jünger oder älter ist, spielt keine Rolle. Jede ist willkommen.“
Besonders bezeichnend ist ein Satz, den Du über die Nauheimer Landfrauen gesagt hast:
„Niemand ist ein No-Name-Mitglied.“
Obwohl der Verein mehr als 300 Mitglieder hat, soll keine Frau in der Anonymität verschwinden.
Geburtstage werden nicht vergessen. Zu runden Geburtstagen gehen Mitglieder des Vorstands persönlich zu den Jubilarinnen nach Hause und bringen ein Geschenk.
Wer bei mehr als 300 Mitgliedern keinen Geburtstag vergessen möchte, braucht nicht nur ein außergewöhnliches Gedächtnis, sondern auch einen sehr guten Kalender und vor allem einen engagierten Vorstand. Zum Glück, liebe Anne, konntest Du Dich auf alle drei verlassen.
Jede Frau soll sich gesehen fühlen, dazugehören und ihre eigenen Fähigkeiten einbringen können.
Du hast Dich als Teamplayerin verstanden.
Als Motor, wenn etwas in Bewegung kommen musste.
Als Türöffnerin, wenn Kontakte gebraucht wurden.
Als Ideengeberin, wenn Neues entstehen sollte.
Aber immer auch als Teil einer Gemeinschaft.
Über den Sinn der Landfrauenarbeit hast Du einmal gesagt:
„Heute sind wir vor allem für Frauen da, die ihre Männer verloren haben oder gerade in Rente gegangen sind. Sie wollen wir auffangen und ihnen eine zweite Familie geben.“
Eine zweite Familie.
Das ist weit mehr als ein Freizeitprogramm.
Es ist ein Anker für Menschen, deren Leben sich verändert hat, und ein Ort, an dem sie wahrgenommen, gebraucht und willkommen geheißen werden.
Als Du den Vorsitz übernahmst, waren viele Mitglieder tatsächlich Bäuerinnen.
Bereits Deine Vorgängerin hatte damit begonnen, den Verein für andere Frauen zu öffnen. Du hast diesen Weg konsequent fortgesetzt.
Dabei hast Du die Herkunft und die Traditionen des Vereins nie vergessen.
Du hast einmal gesagt:
„Wichtig ist bei uns die Erhaltung von Traditionen und Kulturgut, ohne zu verstauben.“
Dieser Satz beschreibt Deine Arbeit außerordentlich gut.
Tradition bedeutete für Dich nie, ausschließlich zurückzuschauen. Tradition bedeutete, etwas Wertvolles zu bewahren und es zugleich für neue Menschen, neue Ideen und neue Zeiten zu öffnen.
Dafür steht kaum etwas so sehr wie die Nauheimer Latweje, das „schwarze Gold aus Nau’m“.
Über Jahrzehnte hinweg wurden auf dem Hof der Familie Dammel Zwetschgen entkernt, gekocht, gerührt und abgefüllt.
Im Jahr 2017 verarbeiteten die Landfrauen innerhalb weniger Tage 28 Zentner Zwetschgen.
Die erste Schicht begann morgens um vier Uhr.
Andere Menschen drehen sich um diese Zeit noch einmal im Bett um. Bei den Nauheimer Landfrauen wurde da bereits der Kessel angeheizt.
Danach wurde über mehrere Tage hinweg in wechselnden Schichten gearbeitet.
Und wenn Du schließlich um 14.59 Uhr durch die Finger pfiffst und sich das Hoftor öffnete, warteten draußen bereits 50 bis 60 Menschen auf die frische Latweje.
Doch in diesem Hof wurde weit mehr hergestellt als Pflaumenmus.
Dort entstanden Gemeinschaft, Erinnerungen und Zusammenhalt.
Dort wurde miteinander gearbeitet, geredet und gelacht.
Dort zeigte sich:
Heimat ist nicht nur ein Ort.
Heimat entsteht dort, wo Menschen gemeinsam etwas tun.
Die Biene ist das Zeichen der Landfrauen.
Du erklärst das gerne so:
Bienen sind fleißig, aber sie sind auch gesellig.
Beides trifft auf die Nauheimer Landfrauen zu.
Unter Deinem Vorsitz entstanden die „Naumer Chorbienen“, die „Laufbienen“, die „Kreativen Bienen“ und die „Radelbienen“, ergänzt durch Vorträge, Fahrten und Bildungsangebote.
Die Landfrauen entwickelten außerdem die Idee, den Kreisel an der Berzallee mit hölzernen Bienenfiguren zu gestalten. Gemeinsam mit der Gemeinde, dem Bauhof und dem Künstler Christoph Peez wurde sie verwirklicht.
Heute begrüßen diese Bienen die Menschen, die nach Nauheim kommen.
Auch im Gemeindekräutergarten pflegen die Landfrauen drei Beete.
Dein humorvoller Kommentar dazu lautet:
„Wir haben ja einen Pakt mit den Bienen geschlossen.“
Und dieser Pakt wurde, soweit ich weiß, ganz ohne langwierige Vergabeverfahren geschlossen. Und er funktioniert trotzdem bis heute ausgezeichnet.
Zum Weltbienentag 2026 arbeiteten die Landfrauen und das Kinder- und Jugendparlament gemeinsam an den Bienen-Skulpturen.
Dabei trafen zwei große Linien Deines Lebenswerks aufeinander:
Deine Arbeit für die Landfrauen und Dein jahrzehntelanger Einsatz für Kinder und Jugendliche.
Bereits bei der Einrichtung des ehrenamtlichen Amtes der Kinder- und Jugendbeauftragten im Jahr 1991 warst Du dabei, zunächst als Stellvertreterin.
Im Jahr 1995 übernahmst Du selbst die verantwortliche Funktion.
Gemeinsam mit Lothar Marx hast Du Dich über mehr als zwei Jahrzehnte für die Interessen der Nauheimer Kinder und Jugendlichen eingesetzt.
Als unabhängige Kinder- und Jugendbeauftragte hast Du zugehört, vermittelt und die Interessen junger Menschen gegenüber Politik und Verwaltung vertreten.
Auf dieses Wirken gehen der Kinderbriefkasten am Rathaus, „Open Ear“ im Jugendzentrum, das Fest zum Weltkindertag und die Arbeitsgemeinschaft der Jugendvertretungen Nauheimer Vereine zurück.
Im Jahr 1999 wurde erstmals ein Kinder- und Jugendparlament in Nauheim gewählt.
Damit wurde aus der Forderung, Kinder und Jugendliche ernst zu nehmen, eine dauerhafte Struktur.
Du hast nicht nur für junge Menschen gesprochen.
Du hast ihnen geholfen, selbst Gehör zu finden.
Das Motto des Kinder- und Jugendfests im Jahr 2017 lautete:
„Dein Wort zählt!“
Es könnte ebenso über Deinem gesamten Engagement in diesem Bereich stehen.
Bei Deiner feierlichen Verabschiedung berichtete der damalige Bürgermeister schmunzelnd, ihm liege eine vierseitige Liste all jener Aktionen und Feste vor, die Du und Lothar Marx gemeinsam veranstaltet hattet.
Vier Seiten. Wer Dich kennt, liebe Anne, wird sich fragen, ob da wirklich alles draufstand.
Und doch reichen selbst vier Seiten vermutlich nicht aus, um zu beschreiben, wie viele Kinder und Familien von dieser Arbeit profitiert haben.
Auch nach dem Ende Deiner offiziellen Tätigkeit blieb dies Dein Anliegen.
Noch an Deinem 70. Geburtstag hast Du gefordert, Kinder und Jugendliche müssten eine Stimme bekommen, die wirklich gehört wird.
Liebe Anne,
Geselligkeit und Gemeinsinn waren in Deiner Arbeit niemals voneinander getrennt.
Aus Latweje-Tagen, Hasenfest und Kerbekaffee wurde immer wieder konkrete Hilfe für Schulen, Jugendorganisationen, Selbsthilfegruppen, Vereine und die Clowndoktoren.
Als die Nauheimer Bücherei Unterstützung benötigte, war Deine Haltung klar:
„Die Leseförderung muss unterstützt werden.“
Für das Frauenhaus Groß-Gerau vermitteltest Du aufbereitete Fahrräder.
Nach dem Sturmtief „Fabienne“ kamen 3.000 Euro für neue Bäume zusammen.
Du nanntest diese Spende:
„Ein Geschenk an die Gemeinde.“
Ein Geschenk, das wachsen sollte.
Vielleicht ist genau das ein schönes Bild für Dein Wirken:
Du hast immer wieder etwas angestoßen, dessen Wirkung weiterwuchs.
Gemeinschaft bedeutete für Dich nie nur, schöne Stunden miteinander zu verbringen.
Gemeinschaft bedeutete für Dich auch, Verantwortung zu übernehmen und schwierige Themen nicht zu verschweigen.
Unter dem Motto
„Gewalt kommt nicht in die Tüte, aber ein Licht!“
verteilten die Landfrauen am Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen und Kindern 500 kleine Tüten mit einem Teelicht und einem Teebeutel.
Du hast darauf hingewiesen, dass Gewalt gegen Frauen und Kinder weiterhin ein Tabuthema ist.
Du hast über Angst und Scham gesprochen, aber auch über das Wegsehen des näheren Umfelds.
Du hast damit eine Haltung gezeigt, die Dein Wirken bis heute kennzeichnet:
Nicht wegsehen.
Nicht schweigen.
Nicht darauf warten, dass jemand anderes handelt.
Auch das gesellschaftliche und politische Leben unserer Gemeinde hast Du über viele Jahrzehnte aufmerksam begleitet.
Du hast Dich für Wahlbeteiligung eingesetzt und im Rahmen der kreisweiten Kampagne „#gemeinsamstark“ öffentlich für Demokratie, Menschenrechte, Weltoffenheit und Vielfalt geworben.
Im Jahr 2024 hast Du Deine Haltung in einem prägnanten Satz zusammengefasst:
„Unsere größten Schätze sind Demokratie und Freiheit, kein Hass und keine Hetze!“
Und 2025 hast Du Vertreterinnen der Initiative „Omas gegen Rechts“ zu den Landfrauen eingeladen.
Deine Zusage an die Gäste war kurz, klar und typisch für Dich:
„Wenn ihr uns braucht, sind wir da.“
Dieser Satz könnte ebenso über vielen anderen Stationen Deines Lebens stehen.
Wenn Menschen Hilfe brauchten, warst Du da.
Wenn Kinder eine Stimme brauchten, warst Du da.
Wenn Frauen Anschluss suchten, warst Du da.
Wenn Brücken zwischen unterschiedlichen Vereinen, Glaubensgemeinschaften oder gesellschaftlichen Gruppen gebraucht wurden, warst Du da.
Eine besonders stille und zugleich schöne Seite Deiner Arbeit zeigt sich in der Lichterwanderung „Licht ins Dunkel, innehalten“.
Mit Laternen, Kerzen und Taschenlampen machten sich Erwachsene, Kinder und Jugendliche gemeinsam auf den Weg.
Die Veranstaltung sollte nicht nur Licht in die dunkle Jahreszeit bringen.
Sie sollte zum Nachdenken über uns selbst und über die Welt anregen.
Als während der Corona-Pandemie viele vertraute Veranstaltungen nicht stattfinden konnten, hast Du gemeinsam mit dem Vorstand Verantwortung übernommen.
Das Hasenfest musste abgesagt werden.
Doch die Osterkrone wurde trotzdem geschmückt.
Das Lichterfest konnte nicht stattfinden.
Doch an seine Stelle trat eine Dämmerwanderung.
Das geplante Jahresprogramm sollte, wie Du es formuliert hast,
„ein Hoffnungsschimmer der Freude“
sein.
Diese Jahre haben gezeigt, wie Du mit schwierigen Situationen umgehst:
verantwortungsbewusst, aber nicht mutlos.
Realistisch, aber nicht ohne Hoffnung.
Traditionsverbunden, aber offen für neue Wege.
Wer Dich kennt, weiß, dass Dein Engagement nicht nur von Ernsthaftigkeit und Pflichtbewusstsein getragen wird.
Du hast Humor.
Du besitzt Temperament.
Und Du kannst Menschen mitreißen.
Bei der Landfrauen-Fastnacht tratst Du selbst ans Rednerpult und hieltest einen Vortrag über das Zuspätkommen.
Ein Vortrag über das Zuspätkommen von einer Frau, die ihrer Zeit meistens voraus ist. Das muss man erst einmal hinbekommen.
Unter dem Motto
„Mit Helau und Lebenslust werd gepiffe uff de Frust!“
wurde gemeinsam gefeiert.
Beim Landfrauentag im Rahmen des Hessentags begrüßten die Nauheimer Landfrauen 26 Busse mit rund 2.000 Teilnehmerinnen aus ganz Hessen.
26-mal wurde gesungen:
„Froh zu sein bedarf es wenig, denn wer froh ist, ist ’ne Landfrau!“
Auch hier zeigte sich Nauheim als guter Gastgeber.
Und die Landfrauen zeigten, was Organisation, Verlässlichkeit und herzliche Begrüßung bedeuten.
Übrigens hast Du auch bei der Nauheimer Kerb bewiesen, dass Du anpacken kannst.
Im Jahr 2019 nahmst Du vor 400 Gästen den Bieranstich vor.
Drei Schläge.
Mehr waren nicht nötig.
Liebe Anne,
Dein außergewöhnliches Wirken wurde vielfach gewürdigt:
1997 mit der Ehrennadel der Gemeinde Nauheim, 2003 mit dem Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, 2013 mit der „Hessischen Biene“ und 2018 mit dem Come-Together-Preis des Kreises Groß-Gerau.
Im selben Jahr wurde Dir der Hessische Verdienstorden am Bande überreicht.
Regierungspräsidentin Brigitte Lindscheid sagte damals:
„Sie haben sich um Ihre Mitbürgerinnen und Mitbürger sehr verdient gemacht.“
Doch auf keiner dieser Ehrungen hast Du Dich ausgeruht.
Du hast neue Ideen entwickelt, Veranstaltungen begleitet, Kontakte hergestellt, Spenden ermöglicht, Stellung bezogen, Menschen eingeladen, getröstet, motiviert und miteinander verbunden.
Du suchst nicht die Bühne um der Bühne willen.
Du drängst Dich nicht in den Vordergrund.
Und dennoch bist Du sichtbar.
Nicht, weil Du Dich selbst sichtbar machen willst, sondern weil Du für etwas einstehst.
Weil Du Menschen motivierst.
Weil Du Verantwortung übernimmst.
Weil Du etwas auf den Weg bringen möchtest.
Bei der Jahreshauptversammlung der Landfrauen im Jahr 2026 wurde besonders deutlich, wie viel Du den Menschen bedeutest.
Der Abend war geprägt von Wertschätzung, Achtung und Anerkennung, von persönlichen Worten, herzlichen Gesten und auch von Tränen.
Solche Tränen kann man nicht organisieren.
Sie entstehen, wenn Menschen spüren, wie tief ein gemeinsamer Weg reicht.
Liebe Anne
Du hast einmal gesagt:
„Das Wohl der Menschen war und ist mir immer im Hinterkopf.“
Nach allem, was wir heute gehört haben, möchte ich hinzufügen:
Das Wohl der Menschen war nicht nur in Deinem Hinterkopf.
Es war und ist der rote Faden Deines Wirkens.
Du hast Frauen einen Anker gegeben.
Du hast Kindern und Jugendlichen eine Stimme gegeben.
Du hast Traditionen bewahrt und zugleich Neues geschaffen.
Du hast Vereine, Kirchen, Glaubensgemeinschaften, Politik, Verwaltung und engagierte Menschen miteinander verbunden.
Du hast Dich für Demokratie und Freiheit eingesetzt.
Du hast geholfen, wenn Hilfe gebraucht wurde.
Du hast dafür gesorgt, dass in einer großen Gemeinschaft niemand zum „No-Name-Mitglied“ wird.
Und Du hast gezeigt, dass Ehrenamt nicht bedeutet, gelegentlich etwas von seiner Zeit abzugeben.
Ehrenamt bedeutet, Verantwortung zum Teil des eigenen Lebens zu machen.
Liebe Anne,
auch ich durfte Dich in meinem Amt als Bürgermeister als engagierte, direkte und aufmerksame Gesprächspartnerin kennenlernen.
Unter dem Motto
„Miteinander sprechen, miteinander wirken“
haben wir uns mit den Landfrauen im Café Stelzer zusammengesetzt und darüber gesprochen, was die Frauen mit Blick auf Nauheim bewegt.
Dieses Motto passt zu Deinem gesamten Lebenswerk.
Du suchst das Gespräch, weil Du etwas bewirken möchtest. Du hörst zu, sagst klar, was Du denkst, würdigst das Gute und sprichst offen an, wo etwas besser werden muss.
Dabei bleibt immer erkennbar, worum es Dir geht:
um Nauheim und um seine Menschen.
Dafür danke ich Dir auch ganz persönlich.
Liebe Anne, die Ehrenbürgerwürde ist die höchste Auszeichnung, die unsere Gemeinde vergeben kann.
Sie kann die vielen Stunden Deines Engagements nicht zurückgeben.
Sie kann nicht jede Veranstaltung aufzählen, jedes Gespräch nachzeichnen und jede Begegnung würdigen.
Sie kann nicht vollständig erfassen, wie vielen Menschen Du geholfen, wie viele Frauen Du ermutigt und wie viele Kinder und Jugendliche Du unterstützt hast.
Aber sie kann etwas deutlich machen:
Nauheim sieht, was Du geleistet hast.
Nauheim erkennt an, was Du für diese Gemeinde und ihre Menschen getan hast.
Und Nauheim sagt heute von Herzen Danke.
Denn Du hast Nauheim nicht nur über viele Jahrzehnte begleitet.
Du hast Nauheim mitgestaltet.
Du hast Menschen zusammengebracht, Gemeinschaft gestiftet, Türen geöffnet und bleibende Spuren hinterlassen.
Aus einem Ehrenamt ist ein Lebenswerk geworden.
Und aus der gebürtigen Weilbacherin ist längst eine Persönlichkeit geworden, die untrennbar zu Nauheim gehört.
Heute schenken wir Dir keine weitere Aufgabe.
Heute geben wir Dir etwas zurück:
unseren Dank,
unsere Anerkennung,
unsere Wertschätzung
und die höchste Würde unserer Gemeinde.
Liebe Anne, es ist mir eine große Ehre und eine ganz persönliche Freude, Dir im Namen der Gemeinde Nauheim zur Verleihung der Ehrenbürgerwürde zu gratulieren.
Herzlichen Glückwunsch, liebe Anne.
Und vor allem: Danke für alles, was Du für Nauheim und seine Menschen getan hast und noch immer tust.